Die Viennale trotzt Corona

12.10.2020

Zwischen 22. Oktober und 1. November wird Wien wieder Filmfestival-Stadt. Es gibt coronabedingte Einschränkungen, aber der Filmgenuss steht bei der Viennale im Vordergrund.

Nomadland
Nomadland / © Viennale

Es wird ein Festival wie kein zweites: Die diesjährige Viennale ist schon vor ihrem Beginn am 22. Oktober außergewöhnlicher als alle ihre Festivalausgaben davor. Festivaldirektorin Eva Sangiorgi, auf unserem Foto abgelichtet beim Filmfestival von Venedig, das unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen stattfand, muss diesmal mit Einschränkungen zurande kommen. Es gibt drei Festivaltage weniger als üblich, es gibt Sicherheitskonzepte, begrenzte Sitzplätze, dafür aber mehr Spielorte.

Vorbild bei der Planung der Viennale war da durchaus das Festival von Venedig. Am Lido galten strenge Sicherheitsvorkehrungen, Maskenpflicht herrschte am Festivalgelände und auch in den Kinos während der gesamten Filmvorführung. Außerdem mussten die Tickets vorab reserviert werden, die Sitzplätze wurden fix zugewiesen. „Das Klima in Venedig erlebte ich als sehr angenehm, es waren weniger Gäste hier und alles lief entspannter ab“, so Sangiorgi. „Das liegt natürlich an den Maßnahmen, aber man bekommt ein Gefühl dafür, wie Filmfestivals früher gewesen sein müssen, als es noch weniger medialen Ansturm gab“.

Eva Sangiorgi - Festivaldirektorin Viennale
© Viennale

Erstmals fixe Sitzplätze

Trotzdem: „Die Viennale ist viel stärker auf das Publikum ausgerichtet als Venedig, das heißt, wir werden das Sicherheitskonzept sicher entsprechend adaptieren“, so die Viennale-Direktorin. Dazu gehört, anders als in Venedig, die Möglichkeit, auch paarweise im Kino zu sitzen. Maximal zwei Sitze nebeneinander sollen bei der Viennale 2020 belegt werden können, für Paare oder Freunde. Das halbe Gartenbau wird auf diese Weise belegt, dazwischen wird es jeweils einen freien Sitz geben. Die andere Hälfte wird wie in Venedig nur aus Einzelplätzen bestehen, die schachbrettartig belegt werden. „In Venedig zeigte sich, dass der Saaleinlass mit fixen Sitzplätzen nicht zeitintensiver ist, sondern im Gegenteil: Langes Anstehen entfällt, wenn jeder seinen fixen Sitzplatz hat“, so Sangiorgi. Hinzu kämen Sicherheitsabstände, mehr Saaleinlässe und mehr Vorstellungen zum gleichen Film. „Insgesamt wird es bei der Viennale weniger Filme geben, und Tickets für diese werden sowohl online mit Sitzplatzwahl angeboten werden, als auch über Telefon reservierbar sein“, sagt Sangiorgi.

Weniger Filme, zusätzliche Kinos

Von 22. Oktober bis 1. November, um drei Festivaltage kürzer als gewöhnlich, will diese Viennale also nun über die Bühne gehen. Auf dem Spielplan werden rund 180 neue Filme stehen, das ist etwas mehr als die Hälfte des sonstigen Angebots. Die einzelnen Filme bekommen mehrere Spieltermine. Das Angebot geht deutlich über die bisherigen Viennale-Spielorte Gartenbau, Urania, Metro, Künstlerhaus und Filmmuseum (wo die Retrospektive läuft) hinaus: „Dieses Jahr werden weitere fünf Säle zu den offiziellen Festivalkinos der Viennale hinzufügt. Admiralkino, Blickle Kino, Filmcasino, Le Studio Film und Bühne c/o Studio Molière und Votiv Kino schlossen sich unserer Initiative an. Sie ermöglichen zusätzliche Wiederholungsvorstellungen ermöglichen und das Viennale-Erlebnis auf weitere Teile der Stadt ausdehnen wird“, sagt Eva Sangiorgi. So kommt die Viennale auch in Wiener Gegenden, die bislang von ihrer Existenz kaum berührt waren.

Distanz versus Nähe

Nomery
© Viennale

Die Viennale will aber auch inhaltlich an die Corona-Krise anknüpfen. Eva Sangiorgi will bei ihrer Auswahl auch die neue Distanz in unserem Alltag widerspiegeln. „Es geht um das Thema Distanz versus Nähe“, sagt sie. Im Programm findet sich daher etwa mit „Nomery“ des lange Zeit inhaftiert gewesenen Filmemachers Oleg Sentsov, eine politische Allegorie auf den Totalitarismus. Phillip Warnells „Intimate Distances“ stellt die Distanzierung in Frage, die allerorts bereits etabliert ist, und „An Unusual Summer“ von Kamal Aljafari richtet den Blick durch Überwachungskameras nach draußen und legt einen menschlichen und persönlichen Kommentar an.

Mutig und weltoffen

Darüber hinaus versammelt die Viennale aber schon auch die Highlights jener Filmschauen, die trotz Corona stattgefunden haben, neben Venedig ist da auch die Berlinale eine ergiebige Filmquelle. „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ des Filmemacher-Paares Tizza Covi und Rainer Frimmel hatte etwa dort seine Weltpremiere, ebenso wie Kelly Reichardts „First Cow“, Eliza Hittmans „Never Rarely, Sometimes Always“ oder Heinz Emigholz’ „Die letzte Stadt“. Aus Venedig will die Viennale unter anderem den Gewinnerfilm „Nomadland“ mit Frances McDormand zeigen. Einer von Corona beeinflussten, aber mutigen und weltoffenen Viennale steht also nichts im Weg.

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