Oscar-Bait: Mit Erfolgsformel zum Hollywood-Flop

28.02.2018
Oscar-Baits Mit Erfolgsformel zum Hollywood-Flop

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Es ist ganz einfach: Analysiere die Oscar-Gewinner der letzten 20 Jahre und finde heraus, welche Filmgenres, Themen und Schauspieler am erfolgreichsten waren. Mixe das Ergebnis zu einem neuen Film – und fertig ist der Oscar-Bait (Oscar-Köder). Eine Produktion, die primär dazu gemacht ist, Academy Awards abzustauben. Viele dieser Filme verfehlen ihr Ziel kläglich. Ein Blick auf die typischen Zutaten und die schönsten Flops, bei denen auch Legenden wie Clint Eastwood, Steven Spielberg und Will Smith eifrig mitwirkten.

Vertraut man den Oscar-Analysten, führen zwei Wege zu den Academy Awards: Am besten stehen die Chancen für aufwändig produzierte historische Dramen. Denn damit kann man auf jeden Fall in den produktionstechnischen Oscar-Kategorien punkten, z. B. Make-up und Hairstyling oder Kostümdesign. Entscheidet man sich für einen zeitgenössischen Plot, zählt nur eines: Emotion. Deswegen sind in diesen Produktionen auch Storys von geistigen oder körperlichen Beeinträchtigungen oder extrem dramatischen Ereignissen (Tod eines Kindes, sterbender Partner, verlorene Eltern, Holocaust-Folgen, 9/11) ebenso beliebt wie der Verweis auf eine „wahre Begebenheit“. Weitere Zutaten für beide Oscar-Bait-Varianten: Hollywood- Superstars und eine Premiere im Winter, also möglichst zeitnah zur Oscar-Verleihung. Ein Blick aus die skurrilsten Flops der letzten Jahre:

Mutter aller Oscar-Baits: Extrem laut & unglaublich nah (2011)

Der Film wird als einer der offensichtlichsten Oscar-Baits gehandelt und teilweise auch als Oscar-Bait- Checkliste bezeichnet. Er gibt einen guten Überblick zu den beliebtesten Themen der Academy. Von der psychischen Erkrankung über einen Star-Cast (Tom Hanks und Sandra Bullock) bis zum historischen Ereignis ist alles dabei – sogar der Holocaust wird angeschnitten. Unser Protagonist ist ein psychisch kranker Junge namens Oskar (nomen est omen, dachten sich die Macher vielleicht), seine Großeltern sind Holocaust-Überlebende. Damit aber nicht genug: der Vater des soziophoben Jungen ist bei den 9/11-Anschlägen ums Leben gekommen. Wow. Am Ende des Films ist der Vater zwar immer noch tot, aber der Junge natürlich geheilt. Nicht von ungefähr kam Extrem laut & unglaublich nah Ende Dezember in die Kinos. Die Strategie ging fast auf. Trotz heftiger Vorwürfe, er würde die Terroranschläge vom 11. September ausschlachten und als Oscar-Bait verwenden, wurde der Film für zwei Oscars nominiert. Bei der Verleihung ging die Produktion allerdings leer aus. Übrigens: Einen köstlichen Schlagabtausch zum Thema „Behinderte im Film“ liefern sich Ben Stiller und Robert Downey Jr. in Tropic Thunder.

Will Smith und die Heulsusen: Verborgene Schönheit (2016)

Der Film des Regisseurs David Frankel kombiniert einen abstrusen Tränendrüsendrückerplot mit einem All- Star-Cast. Mit dabei sind unter anderem: Will Smith in der Hauptrolle, Edward Norton, Keira Knightley, Kate Winslet und Helen Mirren. Die Story: Nachdem die 6-jährige Tochter des Werbemanagers Howard an Krebs gestorben ist, versucht dieser, Antworten vom Universum zu bekommen. Der Mann driftet in die Psychose ab und schreibt Briefe an die Liebe, an die Zeit und an den Tod. Parallel dazu lernt er in einer Selbsthilfegruppe eine Frau kennen, deren 6-jährige Tochter ebenfalls an Krebs gestorben ist. Wunderbarerweise ist diese Frau seine Frau, die er in seiner psychischen Verwirrung einfach einmal vergessen hatte. Krebstod des Kindes, geistige Verwirrung, Auftauchen des verschollenen Partners – der Film buhlt von Beginn an mit gefühlsduseligen Motiven um eine einzige Sache: die Tränen der Zuschauer. Verborgene Schönheit hatte pünktlich am 16. Dezember Premiere – und ging dennoch bei den Oscars 2017 leer aus. Will Smith ist mittlerweile übrigens bekannt für seine Ausflüge ins Reich der Oscar-Baits. Verborgene Schönheit schließt an eine Reihe ähnlich gestrickter Bait-Produktionen an, bei denen er mitwirkte – wie Erschütternde Wahrheit (2015) oder Sieben Leben (2008).

Oscar Bait mit Lady Di: Diana (2013)

Besonders beliebt als Oscar-Bait sind auch Biografien kontroverser Prominenter. Die sogenannten „Biopics“ erkennt man oft schon am Filmtitel, der meistens Vor- oder Nachname der biographischen Persönlichkeit trägt. Bei „Diana“ ging das Konzept jedoch völlig in die Hose. Mit Naomi Watts in der Hauptrolle zielte der Film auf die Oscar-Nominierung für die beste Hauptdarstellerin. Anstatt jedoch auf das schillernde Leben der Kronprinzessin Diana zu fokussieren oder ihren tragischen Tod zu thematisieren, konzentrierte sich die Produktion auf eine Affäre der Prinzessin mit dem pakistanischen Herz-Chirurgen Hasnat Khan. Einen Preis konnte Naomi Watts dennoch für sich entscheiden: Die goldene Himbeere für die schlechteste Schauspielerin.

Eastwoods Flop: J. Edgar (2011)

Unter der Regie von Hollywood-Legende Clint Eastwood verkörpert Leonardo DiCaprio in diesem Biopic den ehemaligen FBI-Direktor J. Edgar Hoover. Natürlich beruht auch dieser Film wieder auf „wahren Begebenheiten“. Als zentraler tragischer Konflikt wird die nicht ausgelebte Homosexualität des Protagonisten präsentiert, auch das seit Brokeback Mountain ein beliebtes Thema bei den Oscar- Buchmachern. Doch allen Bemühungen zum Trotz gingen Eastwood und DiCaprio leer aus. Für den als „langweilig“ und „melodramatisch“ bezeichneten Film J. Edgar war nicht einmal eine Nominierung drin. Erst der 2015 in die Kinos gekommene Film The Revenant brachte DiCaprio den lang ersehnten Oscar.

Schizo-Kitsch: Der Solist (2009)

Eigentlich hat Regisseur Joe Wright (u. a. Stolz und Vorurteil) hier alles richtiggemacht. Zu richtig. Wenn Jamie Foxx und Robert Downey Jr. in die Rollen eines schizophrenen, musikalisch hochbegabten Obdachlosen und eines Journalisten schlüpfen, der sich mit diesem anfreundet, sollte der Oscar vorprogrammiert sein. Dachten sich offenbar die Macher. Dass die Geschichte auf einer „wahren Begebenheit“ basiert, war noch ein Häkchen mehr im Oscar-Pflichtenheft. Frei nach Goethes Ausspruch „Man fühlt die Absicht und ist verstimmt“ dürfte die Academy in diesem Fall allerdings den Braten gerochen und den Oscar-Bait durchschaut haben. Zu viel Rührseliges, zu viele bekannte Strickmuster. Die Produktion floppte nicht nur an den Kinokassen, sondern auch bei den Oscars: Es gab nicht eine Nominierung für Der Solist.

Zum Wiehern: Spielbergs Gefährten (2011)

Die Geschichte über das Pferd Joey, das am Ersten Weltkrieg teilnimmt, ist geradezu überladen mit historischer und kinematografischer Nostalgie. Steven Spielbergs Gefährten ist schnulzig, seine Charaktere neigen zum Melodramatischen. Natürlich dürfen dabei keine bedeutungsschweren Pferdeblicke fehlen, auch ein Ritt in den Sonnenuntergang und Flötenmusik von John Williams sind dabei. Spielberg hat keine Möglichkeit ausgelassen, Emotionen in den Über-zwei-Stunden-Schinken zu pressen. Der Academy hat das anfangs offenbar außerordentlich gut gefallen, es gab sechs Nominierungen für Gefährten. Bei den Awards ist der Film aber durchgefallen.

Seth Meyers macht sich in diesem Video über Oscar-Baits lustig, vielleicht findet ihr ja einige Motive wieder. Übrigens: „Baits“ gibt’s nicht nur bei den Academy Awards, sondern bei fast allen großen US-amerikanischen Medienpreisen – von den Grammy- bis zu den Emmy-Awards. Auch die Musikindustrie scheint also nicht davor gefeit.

 

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