„Inzwischen habe ich das Alter"

24.08.2020

Mario Adorf, gerade 90 Jahre alt geworden, über die Gefahren des Schauspiel-Berufs und warum er zu seinen Figuren lieber Distanz wahrt.

Interview: Matthias Greuling

Mario Adorf
© 2019 Westdeutscher Rundfunk

Es gibt kaum einen Schauspieler, der, seit man denken kann, gleich aussieht. Zumindest die letzten vier Jahrzehnte hat sich Mario Adorf mit seinem vollen, weißen Haar und seinem ebenso vollen, weißen Bart in das Gedächtnis von Millionen Fernseh- und Kinozuschauern eingebrannt. Dieser Look macht ihn einzigartig, und bis heute gilt der 90-Jährige als beliebtester Schauspieler im deutschen Sprachraum.

Herr Adorf, Sie haben unzählige Rollen gespielt und oftmals auch sehr emotionale Figuren porträtiert. Müssen Sie als Schauspieler die Gefühle, die Sie spielen, auch selbst kennen?

Mario Adorf: Das Einzige, was man dazu braucht, ist Alter. Und das habe ich inzwischen.

Aber Sie waren ja auch mal ein junger Schauspieler. Woraus schöpfen Sie, wenn Sie eine Rolle anlegen?

Ein Schauspieler lebt wie ein Maler zuallererst von der Beobachtung. Ich kann nur glaubhaft darstellen, was ich in meiner Lebensumgebung beobachte. Ich habe immer versucht, mich in meine Figur hineinzudenken, und nicht, wie viele andere Schauspieler das tun, die Rolle möglichst nah an sich heranzuführen. Sie schalten damit jegliche Distanz zur Figur aus. Ich war immer für die Distanz. Ich bin Brecht-geschult, das heißt: neben der Rolle stehen, genau wissen, was man tut, und nicht die – manchmal gelobte – Identifizierung zu einer Rolle herzustellen. Das heißt: Beobachtung, angereichert mit Fantasie, verdaulich gemacht durch die Spielfreude. Das ist die Vorbereitung für mich.

Sie brauchten Jahre, die Rolle des Mörders von Winnetous Schwester loszuwerden. Auch sonst hat man Sie oft in zwielichtigen Rollen gesehen. Dann kamen Rollen bei Schlöndorff und Fassbinder.

Wenn man wie ich vom Theater kommt, spielt man viel lieber die bösen, zwielichtigen Gestalten. Jeder spielt lieber den Jago als Othello. Ich habe eine Vorliebe für Charakterrollen. Bösewichter gibt es eigentlich keine. Bei Schlöndorff war es auch wieder ein zwielichtiger Kommissar in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, in der „Blechtrommel“ ein naiver Nazi-Mitläufer. Bei Fassbinders „Lola“ dieser skrupellose, aber nicht humorlose Baulöwe. Ein bisschen Humor habe ich gern.

In „Kir Royal“ konnten Sie zeigen, dass ein Komödiant in Ihnen steckt.

Ich habe schon als junger Mann am Theater komische Rollen gespielt. Aber der Generaldirektor in „Kir Royal“ war ein echter Höhepunkt. Komödie gehörte immer zu meinem Repertoire.

Stimmt es, dass Francis Ford Coppola Sie für den „Paten“ engagieren wollte?

Ja, ich dachte, er hätte eine große Rolle für mich, aber tatsächlich war es nur eine sehr kleine. Die wollte ich nicht und habe abgesagt. War vielleicht ein wenig voreilig und unklug, aber damals sah ich das so, und ich habe Verständnis für meinen Charakter.

Was haben Sie noch abgelehnt?

Ich habe auch einmal eine Rolle bei Billy Wilder abgelehnt, in „Eins, zwei drei“. Ich bekam von ihm 16 Jahre später allerdings noch mal eine Chance. Er besetzte mich in „Fedora“, und das war eine sehr schöne Begegnung.

Man hat Sie oft als einen Italiener besetzt, oder in den USA als Mexikaner.

In Italien besetzte man mich immer als Italiener, mit einer Ausnahme, als ich einmal einen deutschen Offizier in einer italienischen Produktion spielte. Sonst hatte ich das aber immer abgelehnt. Ich wollte nicht „der Deutsche“ sein. In Amerika nannte man die deutschen Schauspieler auch die Hunnen, weil sie groß und blond waren. Hardy Krüger oder Curd Jürgens haben dort als Nazi-Offiziere Karriere gemacht. Wenn man aber wie ich oder auch Horst Buchholz dunkelhaarig war, dann musste man über die mexikanische Hintertür in den amerikanischen Film.

Woher kam ursprünglich Ihr Wunsch, auf der Bühne zu stehen? Aus einer Schauspielerfamilie stammen Sie ja nicht.

Bei mir waren die Voraussetzungen sehr klein. Ich bin in einer deutschen Kleinstadt groß geworden, habe vom Vater ein wenig Spielfreude mitbekommen. Für meine Schulkameraden war ich der Klassenclown. Ich hatte damals noch keine Vorstellung, was ich werden würde, nicht mal nach dem Abitur und während meiner Studienzeit. Als ich 25 Jahre später meine Schulfreunde wiedertraf, da waren die überhaupt nicht verwundert. Für die war es ganz klar, dass ich Schauspieler werden würde. Ich sagte zu Ihnen: Warum habt ihr mir das gleich nicht gesagt? Ich wusste es damals nämlich noch nicht.

Mario Adorf
© 2019 Westdeutscher Rundfunk

Wenn junge Leute auf Sie zukommen und sagen, sie möchten Schauspieler werden, welchen Tipp hätten Sie da?

Grundsätzlich würde ich nicht zu dem Beruf raten. Aber wenn, dann würde ich raten, sich zuerst eine gute Bildung zu verschaffen, das heißt, ruhig ein paar Semester zu studieren. Heute ist es schwierig, denn die Jungen wollen schnell große Rollen spielen. Das war bei uns damals anders – wir mussten uns mühselig in kleinen Rollen nach oben dienen, ehe wir was Größeres bekamen. Ich fand dieses Geduldspiel nicht so schlecht, denn heute gehen viele Karrieren zwar mit einem großen Knall los, aber danach kommt nichts mehr.

Ist die Schauspielerei für Sie Beruf oder Berufung?

Ich habe es immer als Beruf gesehen, als ein Handwerk, das man lernen kann. Was dann hinzukommen sollte, ist Glück und etwas Besonderes, wie Charme oder Charisma.

Vermissen Sie das Theater?

Ich habe seit 15 Jahren nicht mehr Theater gespielt, aber nicht, weil mein Gedächtnis nachlassen würde, sondern weil ich langsam ein Gefühl für meine Lebenszeit entwickelte und merkte, dass sie kürzer wird. Das Theater ist durch Proben- und Aufführungszeiten sehr anspruchsvoll. Das ist vorbei für mich.

Die Zeit wird kürzer, zugleich sind Sie aber einer jener Schauspieler, die seit Jahrzehnten gleich aussehen.

Ich schiebe das auf die Gene, dass ich so altere, wie es jeder gerne tun würde.

Wenn Sie eine Rolle angeboten bekämen, bei der Ihr Markenzeichen, der Bart, ab müsste, würden Sie zusagen?

Kein Problem. Der Bart ist in Minutenschnelle ab. Zum Wachsen braucht er aber ein paar Wochen. Deshalb ist es angenehmer, einen zu haben und ihn abzunehmen, als auf das Wachsen zu warten.

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