Meg Ryan ist 60: „In Hollywood geht es nur um Geld“

19.11.2021

Die Schauspielerin im großen Interview über Hollywood, MeToo und das Älterwerden.

Interview von Matthias Greuling

© Katharina Greuling-Sartena

Früher war sie dank Filmen wie „Harry & Sally“, „E-Mail für Dich“ oder „Schlaflos in Seattle“ die Königin der romantischen Komödie, und dann war ihre Filmkarriere plötzlich aus. Meg Ryan gehörte einst nicht nur dank ihres unglaublich süßen Schmollmundes zu den Aushängeschildern der US-RomComs der 1990er Jahre, nein, sie war ihr Gesicht. Kaum jemand war dermaßen festgelegt auf die Rolle des verletzlichen Mädchens von nebenan, das auf seinen Prinzen wartete. Der Prinz kam und holte sie, so wollte es die Dramaturgie. Doch dann wurde Meg Ryan 40, die Unbarmherzigkeit Hollywoods katapultierte sie ins Karriere-Aus, ein Ausflug in ein anderes Genre mit Anspruch scheiterte: Jane Campions erotischer Thriller „In the Cut“ (2003) erwies sich als Kassengift. Heute ist Meg Ryan mit einigem Abstand zur Schauspielerkarriere wieder im Filmbusiness tätig. 2015 führte sie erstmals Regie, derzeit entwickelt sie neue Projekte als Produzentin.

Seit Sie von den Leinwänden verschwunden sind, hat sich viel getan in Hollywood. Glauben Sie, dass ein so abruptes Karriere-Aus, wie es damals bei Ihnen stattgefunden hat, in Zeiten der #metoo-Bewegung noch möglich wäre?

Meg Ryan: Ich glaube, die #metoo-Bewegung hat tatsächlich etwas verändert an Hollywood – und an der Gesellschaft. Und jetzt ist es wichtig, dass es bleibende Veränderungen für die Frauen gibt. Denn dank #metoo sind die Mächtigen alarmiert und die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler müssen nicht mehr auf dubiose Angebote eingehen.

Haben Sie selbst auch mit Sexismus zu tun gehabt?

Ja, aber eher in Zwischentönen. Es gab bei mir keine große Missbrauchsgeschichte. Aber Hollywood war vor allem in den 80er und 90er Jahren sehr sexistisch, alle Studiobosse waren Männer, die meisten Filmkritiker auch. Der Sexismus ist in Hollywood stark verankert, auch in der Darstellung von Frauen in Filmen. Am Ende wird die Nachfrage entscheiden, welche Filme gedreht werden und welche nicht: In Hollywood geht es ausschließlich darum, Geld zu verdienen.

Jane Campion versuchte in „In the Cut“, ihr Rollen-Klischeebild von der Prinzessin, die auf ihren Prinzen wartet, aufzubrechen. Das hat nicht funktioniert.

Der Film wurde in der Luft zerrissen. Ich war darüber sehr überrascht, denn ich empfand diese Rolle als Befreiungsschlag. Aber da wurde mir klar, wie sehr sich das Rollenbild meiner Figuren in den Köpfen des Publikums festgesetzt hatte. Und ich hatte damals wirklich genug von der Filmwelt. Ich war müde und genervt. Zu Anfang deiner Karriere findest du es noch in Ordnung, wenn alle an dir herumzupfen, dir ständig Haare, Make-up und Kostüm richten und um dich herumwuseln. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem du denkst: Lasst mich alle einfach nur mehr in Ruhe! Damals war ich an diesem Punkt.

Sie sind dann von L.A. nach New York gezogen, auch das ein 180-Grad-Dreh.

Ja, ich liebe New York, dort konnte ich besser in der Anonymität leben als in Los Angeles. Es war eine wichtige Entscheidung, ich konnte Mutter sein, hatte einen normalen Alltag. Ich musste nichts mehr über mich in der Zeitung lesen.

Wie belastend kann ein Leben in der Öffentlichkeit sein?

Es hängt davon ab, wie sehr du es an dich heranlässt. Wenn ich jungen Schauspielern einen Ratschlag geben soll, dann diesen: Nimm nichts persönlich und lies keine Kritiken über deine Arbeit. Wenn man bei einem Casting die Rolle nicht bekommt, dann hat das nichts mit der Persönlichkeit zu tun, sondern, dass man wohl nicht der gesuchte Typ für den Part ist. Ich sage das auch immer meinem Sohn Jack (aus der Ehe mit Dennis Quaid, Anm.). Aber er braucht meine Ratschläge eigentlich nicht, denn er ist bereits gut im Filmbereich unterwegs, hat schon mit Scorsese und Soderbergh gedreht.

Ist das Genre, das Sie berühmt gemacht hat, inzwischen überholt? Es gibt kaum noch romantische Komödien, die solche Kassenschlager werden wie Ihre damals.

Das Genre steckt in einer Krise, aber ich bin überzeugt, dass sich diese Krise schnell legen wird. Denn der Liebesfilm verhandelt ja einen integralen Bestandteil des Daseins: das Verliebtsein. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemals überholt sein könnte.

Zumindest Kritiker stehen der romantischen Komödie immer skeptisch gegenüber. Was denken Sie, wieso?

Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil es darin kein Drama per se gibt, sondern weil es um die wahre Liebe geht, die ein sehr romantisches Konstrukt ist. Denn das habe ich von Nora Ephron (Regisseurin und Drehbuchautorin der größten Meg-Ryan-Erfolge, Anm.) gelernt: Eine romantische Komödie hat immer eine zweite Ebene, denn sie reflektiert auch die Zeit, in der sie entstand. RomComs sind Momentaufnahmen. „E-Mail für Dich“ haben wir 1997 gedreht, als das Internet und die E-Mails noch ganz neu waren. Den Film fünf Jahre später zu drehen, wäre reizlos gewesen.

Sie selbst haben inzwischen auf den Regiestuhl gewechselt und produzieren auch. Eine Versöhnung mit der Filmwelt?

Für mich war der Wechsel hinter die Kamera sehr aufschlussreich in Bezug auf die Schauspielerei. Wenn du Regie führst, bekommst du eine völlig andere Perspektive auf das Schauspielen. Allein durch den Prozess des Castings lernt man, dass manche eben in eine Rolle passen und manche nicht. Man lernt, was es heißt, Filme zu machen. Man muss so viele Dinge gleichzeitig unter einen Hut bringen, dass ich nur jedem jungen Schauspieler raten kann: Führt auch Regie, schreibt Drehbücher, produziert! Denn erst das erschließt euch die Filmwelt wirklich.

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